8. Jul 2026
Blogautor
Agnes Durand
Beim achten „CJ Fashion Afternoon“ in Paris im Juni diesen Jahres sprach Marguerite Le Rolland, Global Insights Manager – Fashion bei Euromonitor International, darüber, wie künstliche Intelligenz den Mode- und Beauty-Handel verändert – von der Produktsuche über die Kundenbindung bis hin zu Konversion und Nachfrage-Prognosen. Außerdem präsentierte sie Maßnahmen führender Marken und Retailer, die Agentic Commerce derzeit schon umsetzen und was diese Initiativen über die Zukunft des digitalen Shoppings aussagen.
Sehe dir das vollständige Video des Euromonitor-Vortrags in englischer Sprache an
Laut Euromonitor International wird bereits 32 % des weltweiten Umsatzes von Mode, Bekleidung und Schuhen online generiert. In Europa liegt der Anteil bei 33 %, in UK bei fast 40 %. Die Modebranche mag nach wie vor stark auf das physische Erlebnis beim Shopping angewiesen sein, doch Digital Commerce erobert einen immer größeren Anteil der Verbraucherausgaben.
Es geht jedoch nicht mehr nur um Online- versus Offline-Käufe. Die Art und Weise, wie Verbraucher Produkte online entdecken, verändert sich radikal.
Neue Wege von Discovery bis Kauf
Mehr als ein Jahrzehnt lang war die Suche Dreh- und Angelpunkt beim digitalen Einkauf. Verbraucher gaben Suchbegriffe ein, verglichen Produkte, schauten sich Bewertungen an und schlossen dann einen Kauf ab. Daraufhin brachte Social Commerce eine neue Dynamik mit sich. Das Finden von Produkten wurde zunehmend durch Empfehlungen, Inhalte und Algorithmen gesteuert statt durch gezielte Suchanfragen. Und nun sorgen LLMs und spezielle KI-Commerce-Agenten für weitere Veränderungen.
„Das Einkaufen verlagert sich von der suchbasierten hin zur vorschlagsbasierten Discovery.“
Marguerite Le Rolland, Euromonitor International
Kaum ein Beispiel veranschaulicht diese Entwicklung deutlicher als der TikTok Shop. Laut Euromonitor International wuchs die Plattform in 2021 aus dem Nichts zum in 2025 mittlerweile drittgrößten globalen E-Commerce-Händler. Sie hat 8 % des globalen E-Commerce-Marktanteils erobert – Tendenz steigend.
Verbraucher stoßen zunehmend auf Produkte, weil diese ihnen empfohlen, angezeigt oder kuratiert wurden, und nicht mehr durch ihre selbst initiierten Suchanfragen.
Die Produktsuche wird dialogorientiert
Generative KI erweitert nun dieses empfehlungsgesteuerte Modell.
Anstatt eine Reihe von Stichwörtern einzugeben, können Verbraucher genau beschreiben, was sie benötigen. Ein Käufer kann nach einem Outfit für eine Sommerhochzeit, einem Hautpflegeprodukt innerhalb eines bestimmten Budgets oder einem Paar Schuh, das zu einem bestimmten Anlass passt, fragen. Die Interaktion kommt eher einem Dialog als einer Suchanfrage gleich.
Das Verbraucherverhalten spiegelt diesen Wandel bereits wider. Euromonitor berichtet, dass bereits 28 % der LLM-Nutzer KI-Tools nutzen, um bessere Produktempfehlungen zu erhalten. Etwa ein Viertel erwartet personalisierte Empfehlungen und Dienstleistungen, während ein ähnlicher Anteil KI nutzt, um Kundenbewertungen zusammenzufassen, bevor man eine Kaufentscheidung trifft.
„KI wird zur neuen Ausstellungsfläche.“
Marguerite Le Rolland, Euromonitor International
Diese Aussage fasst einen umfassenden Wandel zusammen, der sich gerade im gesamten digitalen Handel vollzieht. Die Sichtbarkeit wird nicht mehr ausschließlich durch Suchrankings bestimmt. Marken benötigen zunehmend Inhalte, Bewertungen und Produktinformationen, die die KI-Systeme zuverlässig aufbereiten, interpretieren und weiterempfehlen.
Euromonitor hob hervor, dass die Nutzung von ChatGPT zwischen 2024 und 2025 um mehr als 200 % gestiegen ist und dass die Plattform bis Februar 2026 weltweit 900 Millionen Nutzer pro Woche erreichte.
Retailer befinden sich bereits jenseits des Experimentierens
Viele Diskussionen rund um KI konzentrieren sich nach wie vor auf die zukünftigen Möglichkeiten. Einige Einzelhändler setzen diese jedoch bereits in kommerzielle Anwendungen um.
JD Sports hat kürzlich eine globale Vereinbarung mit Stripe und CommerceTools unterzeichnet, um in den USA einen KI-gestützten Checkout-Prozess zu ermöglichen. Die Initiative macht es Verbrauchern möglich, direkt innerhalb von KI-Umgebungen wie ChatGPT, Gemini und Copilot zu kaufen.
„KI beeinflusst nicht mehr nur die Produktsuche. Ihre Rolle bei der Conversion und beim Bezahlvorgang zeichnet sich bereits ab.“
Marguerite Le Rolland, Euromonitor International
Die Beauty-Branche setzt seit langem auf personalisierte Beratung, was sie zu einem idealen Umfeld für KI-Innovationen macht.
Euromonitor hob die „Beauty Genius“-Plattform von L’Oréal als Beispiel dafür hervor, wie Marken über einfache Produktempfehlungen hinausgehen. Die Plattform fungiert als Beauty-Berater, der sich an frühere Käufe, Vorlieben und Verhaltensweisen orientiert und durch Augmented Reality den Kunden hilft, sich Produkte bereits vor dem Kauf vorzustellen.
„Verbraucher erwarten, dass KI eher wie ein persönlicher Einkaufsassistent als wie eine Suchmaschine fungiert.“
Marguerite Le Rolland, Euromonitor International
Die Bedeutung liegt weniger in der Technologie selbst als vielmehr in den sich wandelnden Erwartungen, die sie widerspiegelt. Verbraucher möchten zunehmend Empfehlungen, die den Kontext verstehen und nicht nur Schlüsselwörter.
Einige der wirkungsvollsten KI-Anwendungen findet man abseits des direkten Kundenkontakts.
Zara analysiert täglich mehr als drei Millionen Bilder aus sozialen Medien, um aufkommende Trends zu identifizieren und die Nachfrage auf verschiedenen Märkten zu antizipieren. Anstatt sich hauptsächlich auf historische Daten zu stützen, nutzt der Einzelhändler aktuelles Verbraucherverhalten dazu, Entscheidungen in den Bereichen Merchandising und Produktentwicklung zu treffen.
„Für Zara funktioniert KI wie eine riesige Fokusgruppe, die niemals pausiert.“
Marguerite Le Rolland, Euromonitor International
In einer Branche, in der oft das Timing über den wirtschaftlichen Erfolg entscheidet, verschafft die Fähigkeit, Signale frühzeitig zu erkennen, einen erheblichen Wettbewerbsvorteil.
Unter den vorgestellten Beispielen verdeutlicht Zalando am besten, wie KI gleichzeitig mehrere Phasen der Customer Journey beeinflussen kann.
Der Online-Händler investiert in KI-gestützte Einkaufsassistenten, die Kunden dabei unterstützen, Outfits zusammenzustellen und Produkte für bestimmte Anlässe zu finden. In jüngerer Zeit hat das Unternehmen den Einsatz von KI auf die Bereiche Content-Erstellung, Lokalisierung und Customer Experience ausgeweitet.
Laut Euromonitor hat Zalando diese Initiativen öffentlich mit verbesserten Konversionsraten, weniger Retouren und höherer betrieblicher Effizienz in Verbindung gebracht. KI hilft dem Retailer dabei, Inhalte marktübergreifend zu skalieren und dabei Konsistenz zu bewahren sowie die Kosten zu kontrollieren.
„KI kann die Konversionsrate verbessern, Retouren reduzieren und Einzelhändlern dabei helfen, Inhalte marktübergreifend zu skalieren.“
Marguerite Le Rolland, Euromonitor International
Der Ansatz von Zalando zeigt, wie KI im Rahmen einer einheitlichen Strategie die Produkt-Discovery, die Kundenbindung, die Conversion und die Betriebsabläufe beeinflussen kann.
Die auffälligste Erkenntnis aus der Untersuchung von Euromonitor ist, dass KI weit mehr verändert als nur die Technologie.
Sie verändert die Erwartungen. Verbraucher suchen zunehmend nach Empfehlungen, die ihre Vorlieben, Kaufabsichten und ihren individuellen Kontext widerspiegeln. Sie erwarten relevante Vorschläge, vertrauenswürdige Informationen und Erfahrungen, die ihnen helfen, Entscheidungen effizienter zu treffen.
„Marken konkurrieren zunehmend um Relevanz, Vertrauen und die Qualität der Beratung, die sie bieten.“
Marguerite Le Rolland, Euromonitor International
Die Beispiele von JD Sports, L’Oréal, Zara und Zalando deuten darauf hin, dass dieser Wandel bereits in vollem Gange ist.
Künstliche Intelligenz wird immer mehr Teil der gesamten Customer Journey und beeinflusst, wie Produkte entdeckt, bewertet und gekauft werden. Führende Marken betrachten KI nicht als isolierte Initiative, sondern als festen Bestandteil ihrer Commerce-Strategie.
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